Haas/Freudenberg: Reformierte Theologie in Erlangen

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3.2. Johann Jakob Herzog (1854-1877)Klick zeigt Anmerkung

 Johann Jakob Herzog (1854-1877)

  Johann Jakob Herzog wurde am 12. September 1805 in Basel geboren. Er entstammte einer angesehenen Kaufmannsfamilie. Seine Eltern Johann Caspar Herzog und Gertrud, geb. Bienz verlor er schon in seiner Kindheit. Aber seine Verwandten sorgten für seine Erziehung. Das erst fünfjährige Waisenkind wurde zusammen mit seinem älteren Bruder einem Institut in Neustadt am Bieler See übergeben, erhielt später im Hause des auch als Pädagogen bekannten Naturforschers Christoph Bernoulli und schließlich im Baseler Pädagogium Unterricht. Wahrscheinlich trug der Einfluß eines Onkels und Pfarrers in Basel, der Herzog konfirmiert hatte und in sein Haus aufnahm, dazu bei, daß er sich für das theologische Studium entschloß. Gerade damals wurde an die Theologische Fakultät Basel Wilhelm Leberecht de Wette berufen, der trotz heftiger Anfeindung von pietistischer Seite bald einen großen wissenschaftlichen und persönlichen Einfluß auf die Studenten gewann und auch auf Herzog große Anziehungskraft ausübte. Herzog schloß sich im Sommer 1823 dem Zofingerverein an, der ältesten schweizerischen Studentenverbindung, die Vaterlandsliebe und staatsbürgerliche Erziehung im Verein mit Freundschaft und Wissenschaft auf ihre Fahne geschrieben hatte. Ihm verdankte er viel Anregung. Nach einem dreijährigen Studium ging Herzog mit seinem vertrauten Freund Abel Burkhardt zur Vollendung seiner Studien nach Berlin, wo damals Schleiermacher und Neander auf dem Höhepunkt ihrer Wirksamkeit standen. Er erhielt zuerst von Schleiermacher viele Anregungen, wandte sich aber dann, als das kirchliche Bewußtsein in ihm erstarkte, Neander zu, durch den in ihm das Interesse für kirchengeschichtliche Studien geweckt wurde. Nach einer Reise durch Böhmen über Wien, Venedig, Mailand zurück nach Basel, wo er sein 1. Examen ablegte, entschied er sich für die akademische Laufbahn. Seine Promotion zum Lizentiaten der Theologie geschah 1830 aufgrund einer exegetischen Arbeit über Röm 3,21-31. Er habilitierte sich an der Theologischen Fakultät und heiratete am 14. Januar 1834 seine Cousine Rosine Socin.

  Bei den damaligen politischen Verhältnissen in Basel bestand für Herzog keine Aussicht auf Beförderung. So folgte er im Oktober 1835 einem Ruf an die Akademie in Lausanne, wo er zunächst provisorisch und 1838 definitiv als Professor der Historischen Theologie angestellt wurde. Ein Jahr zuvor war auch der bedeutende Theologe Alexander Vinet, der "Schleiermacher des französischen Protestantismus", nach Lausanne gekommen und lehrte neben Herzog. Herzog bekam bald einen guten Einfluß auf die Studenten. Dabei kamen ihm seine französischen Sprachkenntnisse zugute. Er hielt Vorlesungen über Kirchengeschichte, Dogmengeschichte, Symbolik, Missionsgeschichte, das Leben der Reformatoren und Biblische Theologie. Daneben entwickelte er eine emsige literarische Tätigkeit und veröffentlichte eine Menge Ergebnisse seiner vielseitigen Spezialforschungen, so z.B. über die Reformatoren (Bemerkungen über Zwinglis Lehre von der Vorsehung und Gnadenwahl [1839]; Johann Calvin [1843]). Eingehende Studien widmete er der Geschichte seiner Heimat, nämlich der Basler Kirche und ihrem Reformator Oekolampad (Oekolampads Entwicklung zum Reformator [1846]; Das Leben Oekolampadius' und die Reformation der Kirche zu Basel [1843]). Großes Interesse wandte er der waadtländischen Kirche zu und der Sekte des Darbysmus, der von England dorthin verpflanzt mit seinem starken und aller kirchlichen Organisation feindlichen Individualismus für die Kirche eine Gefahr bedeutete (Die Plymouthbrüder oder Darby und seine Anhänger im Kanton Waadt, ihr Verhältnis zu den Dissidentengemeinden und zur Nationalkirche [1844]). Die damals in Zürich durch die Berufung von David Friedrich Strauß hervorgerufenen Kämpfe forderten auch Herzog zu einer kritischen Darlegung der pantheistischen Voraussetzung heraus, von denen Strauß' Das Leben Jesu ausging (D. Strauß, explication et examen de sa critique philosophique et religieuse [1839]).

  Die so erfreuliche Laufbahn des jungen Professors erlitt eine erhebliche Störung und Wendung, als im Waadtland infolge des gewalttätigen Eingriffs der demokratischen Regierung in die Verhältnisse der nationalen Kirche ein schwerer Konflikt ausbrach. Ein Zeichen für die kirchlich-politische Umwälzung war u.a., daß den Pfarrern zugemutet wurde, auf der Kanzel eine Regierungsproklamation zu verlesen, in der die Berechtigung der Revolution ausgesprochen wurde. Als Herzog 1846 in eine neu gebildete Kommission für die Prüfung und Ordination der Pfarrer berufen wurde, lehnte er das ab, weil seine Teilnahme eine Anerkennung kirchlicher Befugnisse des gegenwärtigen politischen Regimes durch ihn bedeutet hätte. Mit einer großen Zahl von Professoren und Pfarrern - es waren etwa 150 - erklärte er seine Demission und legte seine staatliche Professur nieder. Die Anhänglichkeit der Studenten zeigte sich bei dieser Gelegenheit, als sie ihm ein Ständchen brachten, das freilich vom Pöbel unterbrochen wurde. Ein Jahr lebte Herzog in Lausanne in privater Lehrtätigkeit in sehr eingeschränkten Verhältnissen, bis sich 1847 das Tor zu neuem Wirken auftat. August Tholuck in Halle hatte sich für ihn verwendet, und das brachte ihm neben einem gleichzeitigen Ruf nach Wien einen Lehrauftrag für Kirchengeschichte und Neutestamentliche Exegese an der Universität Halle ein, dem er auch Folge leistete. Von 1847 bis 1854 weilte er in Halle, wo er 1847 die theologische Doktorwürde von Berlin aus verliehen bekam. Enge Freundschaft verband ihn mit Tholuck und Julius Müller. In Lausanne hatte er infolge seines Kontakts zu zwei Studenten, die aus den Tälern der Waldenser stammten, die Anregung für eine eingehende Erforschung der Geschichte der Waldenserkirche empfangen. Auf Reisen nach Genf, Frankreich und Irland erforschte er die nur handschriftlich aufbewahrte reiche Literatur der Waldenser. Er konnte in einer großen Schrift Die romanischen Waldenser (1853) aufgrund von kritisch gesichtetem Quellenmaterial den Nachweis führen, daß die Waldenser entgegen früheren Annahmen nicht früher als erst im 12. Jahrhundert entstanden und erst durch die Berührung mit der Reformation zu einer evangelischen Bewegung geworden waren.

  Sodann erhielt er 1854 den Ruf auf den durch Ebrards Versetzung seit 1853 verwaisten Erlanger reformierten Lehrstuhl. Das führte den Gelehrten auf die letzte und weitaus längste Station auf seinem Wege. Von der Persönlichkeit Johann Jakob Herzogs haben sich in Erlangen nicht viele Spuren erhalten, obwohl er 23 Jahre lang die Professur innehatte und bis zu seinem Lebensende 1882 hier weilte. Erst mit 49 Jahren hierher gekommen, lebte er ganz seiner Wissenschaft und dem großen Werk, das er kurz vor seiner Berufung begonnen hatte. Seine Wohnung hatte er später im Haus Nürnberger Straße 36, das einst die Villa Abraham Marchands vor dem Nürnberger Tor war, welche dieser der französisch-reformierten Gemeinde vererbte. Nach Herzog wohnten andere Professoren wie z.B. Theodor Kolde in dem Haus, das 1960 dem Neuen Markt weichen mußte. Herzog nahm regen Anteil am reformierten Gemeindeleben. Als der in den frühen Ruhestand versetzte Konsistorialrat Ebrard von Speyer wieder nach Erlangen zurückkehrte, entstand zwischen beiden reformierten Professoren ein enger Konnex. Den reformierten Synoden wohnten beide häufig als Gäste bei. Es war sicher eine Bereicherung, daß neben dem stark, wenn auch nicht ausschließlich historisch arbeitenden Ordinarius Herzog der noch junge Emeritus Ebrard, nun als Privatmann lesend, systematische und andere Gebiete vertrat.

  Der Name Herzog ist unlöslich mit der Realenzyklopädie für protestantische Theologie und Kirche (RE) verbunden, die er begründete und in der ersten Auflage ganz herausbringen konnte.Klick zeigt Anmerkung Bereits Jahre zuvor war in theologischen Kreisen der Gedanke aufgetaucht, den Ertrag der reichen Arbeit, zu der die Theologie seit den ersten Dezennien des neuen Jahrhunderts angeregt war, in einem großen enzyklopädischen Werk zusammenzufassen. Man wollte den Umschwung in der Theologie, die den Rationalismus durch tiefere Würdigung des geschichtlichen Christentums und des kirchlichen Lebens mehr und mehr überwandt, deutlich machen. Vorbereitungen dazu waren schon getroffen worden, aber die Märzrevolution 1848 hatte sie zum Stillstand gebracht. Nach Wiederkehr der politischen Ruhe war Matthias Schneckenburger, der sich an die Spitze des Unternehmens gestellt hatte, gestorben. Tholuck, an den man zuerst dachte, empfahl Herzog. Dessen hohe wissenschaftliche Befähigung, die Reife seines Urteils und sein vielseitiges Wissen ließen gerade Herzog dazu befähigt erscheinen. Sieffert urteilt: "Die an Schleiermacher und Neander anknüpfende, der Union der beiden protestantischen Kirchen freundliche, offenbarungsgläubige Richtung, welche damals in der evangelischen Theologie entschieden die Führung hatte, war auch die seinige, und das nahe Verhältnis zu einem ihrer hervorragendsten Vertreter in Halle hatte ihn darin befestigen müssen."Klick zeigt Anmerkung Die Entschiedenheit im Wesen Herzogs, aber auch seine Milde und Humanität sowie die Verbindung von Bescheidenheit und Energie, die jeder Redakteur für die Behandlung seiner Mitarbeiter braucht, waren ihm zu eigen. Der Band 1 war noch 1854 in Halle erschienen, mit dem 21. Band war die Realenzyklopädie 1866 fertig. Zwölf Jahre sind für ein so großes Werk keine lange Zeit. Herzog hat selbst nicht weniger als 529 zum Teil sehr umfangreiche Artikel geschrieben. Das Riesenwerk hat seinen Namen in weiten Kreisen der evangelischen Kirche und Theologie inner- und außerhalb Deutschlands bekannt gemacht.

  Daneben hatte Herzog noch die Kraft für Vorträge, Abhandlungen, Reden und Predigten. Hochbetagt begann er 1876 den ersten Band seiner Kirchengeschichte. Als er von einem Schlaganfall getroffen wurde, zog er sich 1877 vom Lehrstuhl zurück, um den Abriß der gesamten Kirchengeschichte vollenden zu können, der bei seinem Tode 1882 mit drei Bänden fertig vorlag. Diese wurde auch ins Schwedische übersetzt. Daneben begann er 1877 die Herausgabe der zweiten verbesserten Auflage der Realenzyklopädie, zuerst zusammen mit dem außerordentlichen Professor für Kirchengeschichte Gustav Leopold Plitt und dann mit Albert Hauck, der nach Herzogs Tod die Auflage vollendete und später die dritte Auflage des Werkes herausgab. Eine geplante Kirchengeschichte des 19. Jahrhunderts konnte Herzog nicht mehr schreiben. Nach einem Krankenlager von einigen Monaten starb er am 30. September 1882 im Alter von 77 Jahren. Bei der Trauerfeier in der Gottesackerkirche predigte Pfarrer Haenchen über Lk 10,20. Sieffert hielt den wissenschaftlichen Nachruf und Konsistorialrat Ebrard sprach das Gebet. Es wurde Herzog nachgerühmt, daß mit ihm ein Mann von seltener Geradheit des Charakters, Herzensgüte und Ehrenhaftigkeit dahingegangen sei. Sein Name bleibt mit der Geschichte der protestantischen Theologie verbunden. Das Grab Herzogs befindet sich fast unmittelbar beim Seiteneingang des Reformierten Friedhofs. Ein Sohn, Professor Wilhelm Herzog/München, hat 1914 für die deutsch-reformierte Gemeinde eine Stiftung "Herzogstiftung" errichtet, aus der u.a. Traubibeln für Brautpaare beschafft wurden.

 

3.3. Anton Emil Friedrich Sieffert (1878-1889)Klick zeigt Anmerkung

Anton Emil Friedrich Sieffert (1878-1889)

  Anton Emil Friedrich Sieffert war gebürtiger Ostpreuße und wurde am 24. Dezember 1843 in Königsberg geboren, wo sein Vater Friedrich Ludwig Sieffert als Universitätsprofessor, Konsistorialrat und Hofprediger an der deutsch-reformierten Burgkirchengemeinde wirkte. Die Siefferts entstammten einer alten Elbinger Kaufmannsfamilie. Friedrich Sieffert hat seinem Vater von Erlangen aus eine Biographie gewidmet, in der er sein herzliches Verhältnis zu ihm schildert, das nicht zuletzt seinen Werdegang als Theologe bestimmte. Der Vater Ludwig Sieffert, ein Freund der Union, hatte sich mit einer Arbeit über Theodor von Mopsuestia habilitiert und war Professor für Alt- und Neutestamentliche Textkritik und auch Systematische Theologie geworden. Seine Forschungen über den Ursprung des ersten kanonischen Evangeliums waren ein zeitgemäßes Unternehmen und gingen in Einklang mit der damals von Bernhard Weiß bestimmten Richtung. In seiner Gemeinde hatte er energisch das positive Christentum gegen auflösende Strömungen zu verteidigen. Mit den Professoren Isaak August Dorner und Justus Ludwig Jacobi verband ihn enge Freundschaft. Leider hat ein frühes Augenleiden seine literarische Arbeit, allmählich aber auch seine Lehr- und Amtstätigkeit - er hatte im Konsistorium das Dezernat für die Angelegenheiten der reformierten Gemeinden Ostpreußens - zum Erliegen gebracht. Seinem Sohn, der ihm als treuer Helfer zur Seite stand, diktierte er 1870/71 noch die Grundgedanken seiner Dogmatik.

  Es waren im elterlichen Haus der enge Umgang mit der Theologie und der Einfluß des Vaters, die Sieffert für seine Laufbahn vorbereiteten. Ab 1861 studierte er drei Semester Theologie in Königsberg, dann ein Jahr in Halle, ein Semester in Berlin und zuletzt wieder in Königsberg, wo er 1865 sein 1. Examen mit "recht gut" bestand. Sein Lehrer Dorner hatte großen Einfluß auf ihn. Schon als Quartaner und dann als Student war er Schüler von Bernhard Weiß. So führte ihn ein lebhaftes wissenschaftliches Interesse zum akademischen Beruf. Er promovierte 1867 zum Lizentiaten der Theologie mit einer Abhandlung über das Verhältnis Jesu zur messianischen Idee und habilitierte sich als Privatdozent für Neues Testament in Königsberg. Er siedelte 1871 an die Universität Bonn über und übernahm zugleich den Posten des Inspektors am dortigen Theologischen Stift. In Bonn entfaltete Sieffert, der 1873 außerordentlicher Professor geworden war, eine vielseitige Lehrtätigkeit.Klick zeigt Anmerkung Durch sein liebenswürdiges humorvolles Wesen wurde er schnell am Rhein heimisch und unter den Studenten beliebt. Er las über neutestamentliche, aber auch über alttestamentliche und dogmengeschichtliche Themen, wobei seine in der Schule von Weiß gebildete Begabung zu Einzeluntersuchungen hervortrat (Vorträge und Studien zur neutestamentlichen Zeitgeschichte [1876]; Die Heilsbedeutung des Leidens und Sterbens Christi nach dem ersten Briefe des Petrus [1876]), und offenbarte auch eine systematische Neigung, die ihn auf reformationsgeschichtliches Gebiet führte. Im dritten Band der Theologischen Arbeiten aus dem rheinischen wissenschaftlichen Predigerverein erschien 1877 der Aufsatz Der reformatorische Kirchenbegriff unter den Prinzipien des Protestantismus. Bezeichnenderweise sieht Sieffert darin als Charakteristikum neben der Rechtfertigung aus dem Glauben und der Heiligen Schrift noch den Kirchenbegriff der Reformatoren. Das dürfte für die damalige Epoche des theologischen Liberalismus eine wichtige Wiederentdeckung gewesen sein. Es ist nicht von ungefähr, daß ihm diese Entdeckung über dem Studium Calvins gekommen ist, dem er sich in dieser Zeit mit besonderer Intensität widmete. Er hat sich in dieser Zeit zu einem reformierten Theologen entwickelt, der nun auch mit innerer Berechtigung dem Ruf auf den durch Herzogs Quieszierung vakanten Erlanger Lehrstuhl folgen konnte.

  Seit 1878 war Sieffert ordentlicher Professor in Erlangen. Kurz zuvor am 20. September 1878 hatte er in Bonn die aus Schützen in Ostpreußen gebürtigen Wilhelmine Auguste Caroline Eggeling geheiratet, wobei der Pfarrer Ernst Dryander, späterer Oberhofprediger in Berlin, und der spätere Theologieprofessor Carl Budde Trauzeugen waren. Siefferts nahmen zunächst in der Spitalstraße 41 (jetzt Goethestraße 18) Wohnung, zogen aber später in die Sieglitzhoferstraße 38 (jetzt Hindenburgstraße) in ein selbstgebautes Haus.

  Siefferts Vorlesungen haben sich in Erlangen mehr der Dogmatik und Ethik zugewandt. Eine herzliche Freundschaft verband ihn mit seinem Vorgänger Herzog. Mit einer ganzen Reihe von Artikeln (Antichrist; Ethik; Herodes; Jakobus; Judasbrief; Landpfleger; Apostel Petrus; Pharisäer; Sadduzäer; Zeloten) hat er an der Herausgabe der zweiten und später auch der dritten Auflage der Realenzyklopädie mitgearbeitet. An Herzogs Sarg hielt Sieffert einen wissenschaftlichen Nachruf und hat ihm in der dritten Auflage der Realenzyklopädie einen Artikel gewidmet. An seinen wissenschaftlichen Beiträgen werden die allseitige gründliche Orientierung sowie ein ruhiges, unparteiisches, aber positiv aufbauendes Urteil gerühmt. In Erlangen entstand vor allem das literarische Hauptwerk Siefferts, die Neubearbeitung des Kritisch-exegetischen Handbuchs über den Brief an die Galater (1880) in dem großen Meyerschen Kommentarwerk zum Neuen Testament.

  Ein großes Verdienst hat Sieffert mit der Gründung des Reformierten Seminars, das 1886 durch ihn eingerichtet wurde. An der Theologischen Fakultät lehrten zu seiner Zeit neben ihm Neues Testament Theodor von Zahn, Altes Testament August Köhler, Kirchengeschichte Heinrich Schmidt, Systematische Theologie Franz Hermann Reinhold Frank und Praktische Theologie Gerhard von Zezschwitz bzw. nach dessen Tod ab 1886 Walter Caspari. Es war ein Zeichen für die Wertschätzung der Persönlichkeit des Professors für Reformierte Theologie, daß man ihn 1888 zum Prorektor der Universität wählte. Am 3. November 1888 trat er sein Amt an mit der Prorektoratsrede Über den sozialen Gegensatz im Neuen Testament, in der er über das Verhältnis des Apostels Paulus zur Sozialgesetzgebung des Alten Testaments und zum Geist des römischen Rechts in Bezug auf das Privateigentum sprach. Er hatte damit ein höchst aktuelles Thema zur Zeit der beginnenden evangelisch-sozialen Ära in der Kirche gewählt, um nachzuweisen, daß in der Bibel wohl eine Fülle sittlicher Ideen für soziale Theorie und Praxis, aber kein bestimmtes volkswirtschaftliches Programm enthalten sei. Das Rektoratsjahr brachte Sieffert viel Arbeit, da das im Bau befindliche neue Kollegienhaus sich seiner Vollendung näherte. Die Einweihungsfeier, die er noch vorbereitete, erlebte er nicht mehr in Erlangen, da er Ostern 1889 einem Ruf zurück nach Bonn folgte. In Erlangen waren ihm vier seiner sechs Kinder geboren worden, die von Konsistorialrat Ebrard in der französisch-reformierten Gemeinde getauft wurden. Obwohl eigentlich deutsch-reformiert, hatte sich Sieffert, vielleicht durch sein Interesse an Calvin bewogen, der französisch-reformierten Gemeinde angeschlossen. Eine Freundschaft verband ihn auch mit Ebrard, dessen Tod er 1888 erlebte und dessen Frau Patin eines seiner Kinder wurde. An den reformierten Synoden nahm Sieffert als Gast mehrmals teil. Er ist bisher der einzige Professor für Reformierte Theologie, der nicht bis zu seinem Lebensende in Erlangen blieb.

  In Bonn erhielt Sieffert den ordentlichen Lehrstuhl für Systematische Theologie und wurde Direktor des Systematischen Seminars. Er kam dort gleich mit den schweren Parteikämpfen in Berührung, die damals die Fakultät erschütterten. Während der 22 Jahre, die er in Bonn noch tätig war, entfaltete Sieffert eine reiche und vielseitige Tätigkeit. In Münster und ab 1894 beim Konsistorium in Koblenz war er ständiger Examinator bei den theologischen Prüfungen. Seit 1896 ordentliches Mitglied des rheinischen Konsistoriums, hatte er später ein regelmäßiges Dezernat in der Kirchenbehörde. Er erhielt den Titel Geheimer Konsistorialrat. Ferner war er im Vorstand des Comenius-Seminars in Bonn und des rheinischen Provinzialausschusses für Innere Mission. Einige Jahre war er Vorsitzender des wissenschaftlichen Predigervereins der Rheinprovinz und des Vorstands des Waisenhauses Godesheim bei Godesberg. Viermal verwaltete er das Dekanat der Theologischen Fakultät. Im Jahr 1899/1900 war er Rektor magnificus der Bonner Friedrich-Wilhelms-Universität. Der Titel seiner Antrittsrede lautete: Das Recht im Neuen Testament. Aus seiner Bonner Zeit sind eine Reihe kleinerer Arbeiten exegetischen Inhalts, vor allem aber systematische Themen zu nennen: Die Entwicklungslinie der paulinischen Gesetzeslehre nach den vier Hauptbriefen des Apostels [1897]; Die Heidenbekehrung im Alten Testament und im Judentum [1908]; Krieg und Christentum [1904]; Das sittlich Erlaubte im Christentum [1904]. Eine Arbeit, die aus Vorträgen bei einem Kurs für evangelische Volksschullehrer 1903 in Bonn hervorging, befaßte sich mit dem brennenden Problem Offenbarung und heilige Schrift (1905). Lang urteilt darüber: "Nach Ablehnung der alten Inspirationslehre und einer beschränkten Anerkennung der außerbiblischen Offenbarung lehrt S[ieffert] die Offenbarung in der Schrift als eine Entwicklung menschlich-geschichtlichen Aufstiegs unter Leitung der göttlichen Heilspädagogik, gipfelnd in der vollendeten Selbstbekundung Gottes in Christus, verstehen."Klick zeigt Anmerkung Das Buch ist reich an bedeutsamen Gedanken, tief, klar und modern für die damalige Zeit. In den dogmengeschichtlichen Studien Siefferts gewann mehr und mehr Calvin die beherrschende Stellung, so in der Abhandlung Die neuesten theologischen Forschungen über Buße und Glaube (1896).

  "Sehr häufig hielt S[ieffert] im Seminar Übungen über die Institutio", schreibt Lang. "Doch war er auch in den sonstigen Werken des Genfer Meisters wie kaum ein anderer deutscher Theologe zu Hause. Immer wieder stellte er Themata für Arbeiten aus Calvins Leben und Theologie, und aus seiner Schule gingen eine ganze Reihe trefflicher Lizentiatendissertationen über den Reformator und seine Zeitgenossen hervor, wie deren mehrere in den 'Elberfelder Calvinstudien' (herausg. von Bohatec 1909) vereinigt sind."Klick zeigt Anmerkung Im Calvin-Jubiläumsjahr 1909 hielt er am 10. Juli eine ausgezeichnete Festrede Johann Calvins religiöse Entwicklung und sittliche Grundrichtung mit dem Problem von Calvins Bekehrung. Kurz vor seinem Tod trat er für die Errichtung des Reformationsdenkmals in Genf ein.

  Ein großer Familienkreis mit sechs Kindern scharte sich um Sieffert. Dieser erlag noch nicht 68jährig mitten in reger Tätigkeit am 30. Oktober 1911 einer schweren Lungen- und Rippenfellentzündung. Bei seinem Begräbnis, das sein Schwiegersohn Hans von Nasse hielt, wurde Dank von seiten der Theologischen Fakultät, der Kirchenleitung, des Provinzialausschusses für Innere Mission und des Reformierten Bundes bezeugt. Lang, einer seiner Schüler, schildert ihn als sorgsamen Beobachter und stillen Denker, dessen Entscheidungen in theologischen Fragen im Fundament biblischer und reformatorischer Wahrheit wurzelten, und als sehr belesenen und auf vielen entlegenen Gebieten gelehrten Mann, dessen innere Festigkeit und Nüchternheit gepaart war mit ungemeiner Liebenswürdigkeit und selbstloser Güte, die nicht zuletzt auch seinen Studenten galt. "Sein Umgang erfreute und erfrischte zugleich durch einen feinen, nie verletzenden Humor."Klick zeigt Anmerkung

 

3.4. Johann Martin Usteri (1889-1890)Klick zeigt Anmerkung

 Johann Martin Usteri (1889-1890)

  Johann Martin Usteri wurde zum Nachfolger Siefferts berufen, starb aber nach nur halbjähriger Lehrtätigkeit. Er war ein begabter, feinsinniger Theologe, der sich in seiner Schweizer Heimat schon einen Namen gemacht hatte. Am 27. September 1889 war er aus der Schweiz kommend hier eingetroffen, am 4. Juni 1890 schon wurde er aus seinem Wirken durch den Tod herausgerissen.

  Usteri war Glied einer alten, hochangesehenen Züricher Kaufmannsfamilie. Im Jahre 1401 erhielten die Usteris in Zürich das Bürgerrecht. Ein Vorfahre, Paulus Usteri, schwang sich vom Spezereihändler zum reichen Kaufherrn in Wolle und Seide empor und erbaute 1684 den im Talacker am späteren Paradeplatz in Zürich gelegenen bis 1929 von seinen Nachkommen bewohnten Neuenhof. Dieser Linie der Usteri vom Neuenhof entstammte der Erlanger Professor als der siebte Johann Martin in ununterbrochener Reihenfolge. Sein Vater Johann Martin Usteri VI. vom Neuenhof (1812-1865) war Kaufmann, Stadtrat und Erziehungsrat, Präsident des Schirmvogteiamtes, Schulpfleger, Vizepräsident der Zentralkirchenpflege und Präsident des Hilfskomitees beim Brand von Glarus. Der Großvater, Johann Martin Usteri V. war Kaufmann, Kantonsrat, Suppleant am Obergericht und Schwiegersohn des berühmten Antistes Geßner. Seine Frau war eine Enkelin der berühmten Barbara Schultheß, der Freundin Johann Wolfgang von Goethes. Jener Usteri war wieder der Sohn von Johann Martin Usteri III. vom Neuenhof, der Kaufherr, Hauptmann, Zunftmeister und Obervogt zu Erlenbach war. Er fuhr 1804 in Geschäften nach Nordamerika, was wegen der durch die Französische Revolution entstandenen Wirtschaftskrise nötig war. Auf der Heimreise wäre er beinahe in Seeräubergefahr und Sturmesnot umgekommen. Dessen Vater Johann Martin Usteri II. war wegen eines Augenleidens von dem berühmten Augenarzt Johann Heinrich Jung-Stilling, allerdings ohne Erfolg, operiert worden. Die Usteris waren stiefverwandt mit Johann Kaspar Lavater. Einer Seitenlinie, den Usteris vom Talhaus, entstammte der Dichter Johann Martin Usteri.

  Über den Erlanger Professor Usteri heißt es in einem Lexikon: "Er beschäftigte sich eingehend mit Familiengeschichte."Klick zeigt Anmerkung Schon als 22jähriger hat er 1870 ein Werk Das Geschlecht der Usteri in Zürich veröffentlicht.Klick zeigt Anmerkung Geboren wurde Johann Martin Usteri VII. am 13. Juni 1848. Die pietistische Frömmigkeit des Elternhauses - der Vater gründete in Zürich einen Missionsverein - wirkte auf die innere Entwicklung des sehr vielseitig begabten Jungen, der im Gymnasium mit solcher Vehemenz Latein und Griechisch trieb, daß er gesundheitlichen Schaden davontrug. Die Bibel zog schon den Primarschüler an. Der frühe Tod des Vaters verursachte eine tiefe Erschütterung in dem 17jährigen und verstärkte seine ernste Lebensauffassung. Er studierte in Basel, wo die Professoren Steffensen (Philosophie) und Schultz großen Eindruck auf ihn machten, in Tübingen, wo große Auseinandersetzungen über die Vorlesungen von Johann Tobias Beck erwähnt werden, und in Zürich, wo Professor Held von Einfluß auf ihn gewesen war. Nach dem Konkordatsexamen 1871 wurde er ordiniert und Vikar in Andelfingen. Im Jahr 1873 wurde er Pfarrer in Oetwil am Züricher See. Er heiratete im selben Jahr Anna Luise Pestalozzi vom Lindenhof, die ebenfalls einem alten Züricher Geschlecht entstammte. Seiner Ehe entsprossen drei Söhne. Von Oetwil wurde er 1876 in die große und mehrere Bergschulen zählende Gemeinde Hinwil berufen, die die Pfarrfamilie freundlich empfing. Von dort aus betreute er einige Zeit als Seelsorger die Anstalt Ringwil. Oetwill und besonders Hinwil sind die Stationen, auf denen sich Usteri neben seiner anstrengenden Amtstätigkeit und ungeachtet seiner zarten Gesundheit mit großer Energie wissenschaftlich weiterzubilden strebte und wo seine Forscher- und auch seine literarische Tätigkeit begann. Als er aus Gesundheitsrücksichten von Hinwil 1883 nach Affoltern bei Höngg übersiedelte, gestattete ihm die Pastorisation der kleinen Gemeinde Affoltern die Mitarbeit an der Theologischen Fakultät Zürich, mit deren Senior Alexander Schweizer er schon längst in freundschaftlichen Beziehungen stand. Er begann mit der Auslegung des 1. Petrusbriefes. Sodann habilitierte er sich 1885 als Privatdozent für neutestamentliche Fächer und erhielt 1887 den Dr. theol. h.c.

  Nach von Schultheß-Rechberg studierte Usteri fleißig und war ein unermüdlicher Sammler von Kenntnissen. Er hielt an der wissenschaftlichen Maxime fest, seinen Befund immer aufs neue zu prüfen und gegebenenfalls zu korrigieren.Klick zeigt Anmerkung Seit 1882 trat er mit literarischen Arbeiten an die Öffentlichkeit. Die erste betraf Zwinglis Lehre von der Taufe. Sie erschien 1882 in den Theologischen Studien und Kritiken und fand ihre Fortsetzung in weiteren Beiträgen zur altreformatorischen Tauflehre in den zwei folgenden Jahrgängen dieser Zeitschrift: Darstellung der Tauflehre Zwinglis (1882) sowie Calvins Sakraments- und Tauflehre (1884). Ein Gruß an die Jubelfeiern der Reformatoren war die mehr populär gehaltene Festschrift Ulrich Zwingli, ein Martin Luther ebenbürtiger Zeuge des evangelischen Glaubens (1883). In einem Nachtrag Zwingli und Erasmus, eine Studie (1885) werden die Beziehungen Zwinglis zu Erasmus besprochen. Besonders wertvoll ist der Initia Zwinglii betitelte Aufsatz in den Studien und Kritiken (1885/86). Im Sinn der exakten Geschichtsforschung hat Usteri die geistige Entwicklung Zwinglis anhand von Randbemerkungen, die dieser seiner Lektüre beigefügt hatte, fast auf Jahr und Tag genau nachgewiesen und sich damit als scharfsinniger Forscher gezeigt. Fritz Blanke urteilt über die Arbeiten Usteris, daß sie selbständig, gründlich und in mehrfacher Hinsicht wegweisend waren: "Man kann heute noch vieles aus ihnen lernen, und das will etwas heißen! Der frühe Tod des hochbegabten Forschers war ein schwerer Verlust für die reformierte Kirchengeschichtsforschung." Mit Usteris Habilitation 1885 wandten sich seine Studien und literarischen Arbeiten dem Neuen Testament zu. Seine Probevorlesung Die Selbstbezeichnung Jesu als des Menschen Sohn und eine Untersuchung der Stellen des 1. Petrusbriefes, die von der Hadesfahrt handeln ( "Hinabgefahren zur Hölle". Eine Wiedererwägung der Schriftstellen 1 Petr 3,18-22), erschienen 1886. Letzte war z.T. eine Auseinandersetzung mit Alexander Schweizer, der in jenem biblischen Abschnitt die Hadesfahrt nicht finden wollte. Usteris umfassendste und bedeutendste Schrift ist der Wissenschaftliche und practische Commentar über den ersten Petrusbrief (1887). Charakteristisch für den Verfasser ist die Verbindung der Wissenschaft mit der Praxis, die sich in dem Buch gegenseitig befruchten. Dem wissenschaftlichen ersten Teil folgt für damalige Zeit außergewöhnlich modern ein zweiter Teil mit erbaulicher und praktischer Auslegung. Es erschien weiter 1889 in den Studien und Kritiken ein Aufsatz über Glaube und Werke im Jakobusbrief und ein Vortrag Das Historische in der christlichen Religion. Das waren zugleich die letzten Publikationen des unermüdlich fleißigen Gelehrten und Pfarrers.

  Als weitere Veröffentlichung Usteris sei sein der praktischen Tätigkeit im Pfarramt entstammender Leitfaden für den Konfirmandenunterricht erwähnt: Sechzig Fragen und Antworten von des Christen Glauben und Leben, mit Beigaben von Sprüchen und Bibelstellen nach der Zürcher Bibelübersetzung zum Auswendiglernen und zur weiteren Förderung in der christlichen Erkenntniß (1882). Dieses Buch erlebte eine ganze Reihe von Auflagen, auch eine Übersetzung ins Französische und ins Romanische für die Gemeinden in Graubünden, und erfreute sich jahrzehntelang weiter Verbreitung. Seine erste Frage erinnert an den Heidelberger Katechismus: "Was ist dein einziger Trost im Leben und im Sterben? Daß ich bei allem Wechsel der Zeit meinem Gott und Heiland angehöre in Ewigkeit, hier sein Kind sei und dort Erbe des ewigen Lebens, und daß nichts mich von seiner Liebe scheide." Auch sonst finden sich manche Anklänge an den Heidelberger Katechismus. Der Aufbau geht jedoch eigene Wege und verrät, daß Usteri auf die Fragen seiner Zeit Antwort zu geben versuchte (Einleitung: Fragen 1-4 zu Religion, Offenbarung und Schrift. Erster Hauptteil: Fragen 5-32 zum christlichen Glauben. Zweiter Hauptteil: Fragen 33-44 zum christlichen Leben. Dritter Hauptteil: Fragen 45-60 zur Pflanzung und Erhaltung des christlichen Glaubens und Lebens, der Kirche und den Gnadenmitteln). Aber auch mit populären, der Erbauung und Belehrung gewidmeten Schriften diente er seiner Kirche. Er gehörte 1875 zu den Begründern des Christlichen Volksfreundes der Schweiz, in dem viele seiner gediegenen und gedankenreichen, wenn auch nicht immer leicht lesbaren Beiträge erschienen: Redliche Zweifler; Der Gott der Bibel; Der Kindertaufe Recht, Segen und Frucht; Ein wichtiger Wendepunkt im Leben Jesu. Es eignete ihm nicht so sehr die Gabe eines leicht faßlichen Schreibens, desto tiefgründiger aber waren seine Aufsätze. In den letzten Jahren widmete er seine Kraft auch dem besonderen Volksfreundwerk Verstehst du auch, was du liesest? und den von seinem Schwager Carl Pestalozzi herausgegebenen Bibelauslegungen (Band 1: 1. Petrusbrief und die drei Johannesbriefe; Band 2: Römerbrief). Auch einige Bände mit Predigten sind von ihm erschienen: Das Wort Gottes bleibt in Ewigkeit. Acht Festpredigten (1888) sowie Das verborgene Leben in Christus mit Gott. Vier Predigten (1901).

  Abschließend schreibt von Schultheß-Rechberg: "Usteris wissenschaftliche Begabung lag vorherrschend im Gebiet der Einzeluntersuchung, für die er Kombinationsgabe und eine glückliche Intuition mitbrachte. Seine Bescheidenheit, seine Natürlichkeit, sein treuherziges Wesen, sein steter Frohmut gewannen ihm zahlreiche Freunde, denen diese pia anima unvergeßlich ist."Klick zeigt Anmerkung Als er den Ruf auf den Erlanger Lehrstuhl erhielt, durfte er darin die Anerkennung der gelehrten Welt für seine Arbeit erkennen, besonders für den Commentar über den 1. Petrusbrief, auf den hin die Berufung erfolgt war. Der Abschied von der Heimat war nicht leicht. Usteri hatte in seltenem Maße das Vertrauen seiner Gemeindeglieder gewonnen. Es wird berichtet, daß beim Auszug aus dem Pfarrhaus Affoltern der Möbelwagen im durch Regen aufgeweichten Boden steckenblieb, was dort als schlechtes Omen ausgelegt wurde.

  In Erlangen nahm Usteri mit seiner Familie in der Kasernenstraße 8 (jetzt Bismarckstraße) Wohnung. Es gibt ein Foto aus der kurzen Erlanger Zeit, das ihn darstellt: Sein Antlitz trug fast die südlichen Gesichtszüge eines Spaniers, die aber eher von einer schüchternen kindlichen Ängstlichkeit umwoben waren.Klick zeigt Anmerkung Die "geschweiften, wie zu beständiger scharfer Aufmerksamkeit gespannten Augenbrauen mit der Adlernase und den scharfgeschliffenen Lippen" ließen den scharfen, in viel Anstrengung und Selbstzucht geübten Denker vermuten. Man hatte bei der Berufung "nach einem nicht nur streng wissenschaftlichen, sondern auch nach einem friedlichen, liberalen, bescheidenen Mann gesucht". "In der Tat versprach auch sein erstes, leider auch nahezu letztes Wirken daselbst im verflossenen Winter ihm eine schöne Wirksamkeit für die Zukunft. Sein kompakter, allseitig durch- und ausgearbeiteter Vortrag mit seiner schmalen, doch durchdringenden Stimme zog die Studenten an, und eine größere Zahl, als es sich für den Anfang erwarten ließ, stellte sich bald in seinen Vorlesungen ein."Klick zeigt Anmerkung Er las über die Gleichnisse Jesu. Während der Osterzeit weilte Usteri in Bad Boll bei seinem Freund Christoph Friedrich Blumhardt d.J., um sich dort, wie früher schon oft, Stärkung für Leib und Seele zu holen, und kehrte mit neuer Freudigkeit in sein zweites Erlanger Semester zurück. Doch nach wenigen Wochen erkrankte er und erlag am 4. Juni 1890 einer eitrigen Rippenfellentzündung und Herzlähmung im Alter von fast 42 Jahren.

  Die große Trauer, die durch den frühen Tod in den bayerischen reformierten Gemeinden und bei den zahllosen Freunden in der Schweiz ausgelöst wurde, fand in mehreren Nachrufen ihren Widerhall. Der deutsch-reformierte Pfarrer Haenchen hat Usteri auf dem Reformierten Friedhof beerdigt. Sein Grab liegt vom Seiteneingang aus in der sechsten Reihe auf der Seite zum Neustädter Friedhof hin und trägt den Bibelspruch "Die Liebe höret nimmer auf" (1 Kor 13,8). Auf der reformierten Synode vom 17. Juni 1890 hielt Pfarrer Haenchen als Präses folgenden Nachruf: "Mit diesem Mann hatte Gott uns wirklich eine Gnade erwiesen, insofern er ein gründlicher Kenner der reformierten Lehre, eine sehr tüchtige und gewissenhafte, äußerst fleißige und sehr anregende Lehrkraft war, dabei eine liebenswürdige und bescheidene Persönlichkeit, welcher es in kurzer Zeit gelungen war, nicht bloß mit den Amtsgenossen an der Universität in freundschaftlichen Beziehungen zu stehen, sondern auch die Liebe der Studenten, die ihn hörten, in hohem Maße zu gewinnen." Nach Usteris Tod war der Lehrstuhl zwei Jahre lang verwaist.