Haas/Freudenberg: Reformierte Theologie in Erlangen

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Vorwort des Herausgebers

Karl Eduard Haas (1913-1991)

  Reformierte Theologie an der Universität Erlangen zu lehren, ist ein Unternehmen, das sich keineswegs von selbst versteht. Es bedurfte an der gemäß den Gründungsstatuten konfessionell lutherischen Fakultät erheblicher Anstrengungen seitens der Reformierten, um über 100 Jahre nach Gründung der Universität (1743) im Jahr 1847 einen ordentlichen Lehrstuhl für Reformierte Theologie zu etablieren. Freilich verblieb dieser Lehrstuhl bis 1970 außerhalb der Theologischen Fakultät und war als Sonderlehrstuhl dem Universitätsrektor direkt unterstellt. Immerhin wurde durch diese universitäts- und kirchenrechtlich bemerkenswerte Konstruktion gewährleistet, daß bereits im 19. Jahrhundert reformierte Theologen innerhalb Deutschlands in ihrer Konfession ausgebildet werden konnten. So ist der Erlanger Lehrstuhl für Reformierte Theologie der Vorreiter für die weiteren reformierten Lehrstühle in Göttingen (Gründung 1921) und Münster (Gründung 1925) gewesen.

  Es ist dem früheren Erlanger Pfarrer und bedeutenden Chronisten der Ev.-ref. Kirche in Bayern Karl Eduard Haas zu verdanken, die Geschichte des Erlanger Lehrstuhls für Reformierte Theologie im Zusammenhang dargestellt zu haben. Zwei Auflagen (1961 und erweitert 1987) mit dem Titel "Der Lehrstuhl für reformierte Theologie zu Erlangen" konnte er zu Lebzeiten als Privatdruck herstellen lassen. Um der Bedeutung dieses sowohl durch seine Geschichte als auch durch das Renommee seiner Inhaber illustren Lehrstuhls willen schien es angebracht, die inzwischen vergriffenen und im Druckbild unzulänglichen Hefte durch eine überarbeitete und ergänzte Fassung im Buchformat zu ersetzen. Diese Überlegung verbindet sich mit einem seit mehreren Jahren erfreulicherweise zu verzeichnenden Neuaufbruch in der Erforschung der Geschichte des reformierten Protestantismus im deutschsprachigen Raum, in die sich der hier vorgelegte Band einreihen möchte.

  Mit Zustimmung von Frau Gisela Haas, der Ehefrau von Karl Eduard Haas, sind behutsame stilistische Änderungen, kleinere Ergänzungen, die Korrektur offensichtlicher Irrtümer und - wo es sinnvoll erschien - der Beleg von Quellen in den Anmerkungen vorgenommen worden. Der individuelle sprachliche Duktus von Haas' Manuskript ist indes um der Authentizität seines Werkes willen nicht grundlegend verändert worden. Um dem Interesse an der neueren Entwicklung des Lehrstuhls und seiner Verbindung mit der Ev.-ref. Kirche in Bayern Rechnung zu tragen, sind folgende Abschnitte angefügt worden: ein Kapitel "Der Lehrstuhl für Reformierte Theologie im Kontext der Ev.-ref. Kirche in Bayern" von Alasdair Heron sowie vom Herausgeber einige Hinweise zur gegenwärtigen Situation des Lehrstuhls, ein Anhang mit Dokumenten, eine Bibliographie und ein biographisches Nachwort zu Karl Eduard Haas. Fotographien u.a. aus dem Besitz des Lehrstuhls und der Ev.-ref. Gemeinde Erlangen ergänzen den Band.

  Allen voran danke ich Frau Gisela Haas für das freundliche Einverständnis, das Werk ihres vor 10 Jahren verstorbenen Ehemannes 40 Jahre nach seiner Erstveröffentlichung neu herauszugeben. Die Synode der Ev.-ref. Kirche in Bayern hat sich bereiterklärt, die Neuedition mit einem Druckkostenzuschuß zu fördern. Für die Vermittlung dieses Zuschusses danke ich Präses Hartmut Wenzel. Ferner danke ich Doris Thal für die Durchsicht der Druckvorlage. Ich freue mich, daß sich der Nürnberger Verlag Peter Athmann bereitfand, das Werk in sein Verlagsprogramm aufzunehmen, die Druckvorlage zu erstellen und den Druck vornehmen zu lassen.

  Erlangen, im Herbst 2000

  Matthias Freudenberg

 

1. Kapitel
Die Vorgeschichte des Lehrstuhls für Reformierte Theologie

 

1.1. Einleitung

  Nicht immer gab es an der Erlanger Universität einen reformierten Theologieprofessor. Die 1743 gegründete Hochschule besaß eine Theologische Fakultät mit anfangs drei Lehrstühlen. Diese war aber verfassungsmäßig lutherischen Bekenntnisses und sollte der Heranbildung der Pfarrer im Fürstentum Bayreuth, später auch Ansbach, dienen. Die wenigen reformierten Gemeinden in den markgräflichen Landen, die zum größten Teil französisch-reformiert waren, konnten im 18. Jahrhundert nicht mit einer besonderen Berücksichtigung ihres Konfessionsstandes an der Theologischen Fakultät rechnen. Sie waren genötigt, sich ihre Pfarrer aus den westdeutschen Ländern oder der Schweiz zu besorgen. Unter den reformierten Pfarrern, die Erlangen im 18. Jahrhundert hatte, waren Männer, die wissenschaftlich auf der Höhe ihrer Zeit standen, der Zeit der Aufklärung und des Rationalismus. Dozieren aber durften sie nicht. Allerdings haben sie mehrmals als Prüfungskommission fungiert und jungen Kandidaten das Pfarramts-Examen abgenommen. Schon die ersten Pfarrer der beiden reformierten Gemeinden waren sehr gelehrte Männer. So brachte der Hugenottenpfarrer St. Esprit Tholozan (um 1642-1700) von der Heimat den Titel "Professor" mit. Und der erste deutsch-reformierte Pfarrer Jakob Daniel Humbert war Gymnasialdirektor in Heidelberg.

  Mit der Übernahme der fränkischen Lande durch das neue Königreich Bayern 1806 bzw. 1810 entstand eine völlig neue Situation. Einmal war der bis dahin fast ganz katholische Staat Bayern genötigt, auch für die geistliche Betreuung der evangelischen Landeskirchen, die er bekommen hatte, zu sorgen. Zum anderen war zum rechtsrheinischen Bayern auch die Rheinpfalz dazugekommen, in der es von der bisherigen Kurpfalz her neben Lutheranern eine namhafte reformierte Kirche gab. Diese hatte ihre Universität in der einstigen pfälzischen Residenz Heidelberg verloren, da die rechtsrheinische Pfalz zum Großherzogtum Baden geschlagen worden war. Für den reformierten Pfarrernachwuchs der Pfalz hatte nun die königliche Regierung in München zu sorgen. Es kam hierfür nur die einzige evangelische Landesuniversität in Erlangen in Frage. Die königliche Regierung kam den Wünschen der Pfalz mit einem Beschluß vom 3. Juli 1816 nach, demzufolge ein durch das Aufrücken des lutherischen Professors Gottlieb Philipp Christian Kaiser in eine ordentliche Professur frei gewordener außerordentlicher Lehrstuhl mit einem Lehrer der reformierten Kirche besetzt werden sollte. Dieser sollte die Pflicht haben, Dogmatik und Pastoralwissenschaft abwechselnd mit Homiletik, Pädagogik und Katechetik zu lehren und praktische Übungen in diesen Fächern zu veranstalten. Dieser Beschluß scheint sich mit dem Wunsch der deutsch-reformierten Gemeinde in Erlangen getroffen zu haben, für ihren Pfarrer Johann Philipp Karbach, den Schwiegersohn des Hofrats und Professors der Medizin Friedrich Heinrich Loschge, eine Gehaltsaufbesserung dadurch zu erreichen, daß ihm eine außerordentliche Professur zugleich übertragen würde. Die Sache hatte sich aber zu lange hingezogen. Karbach, Rationalist und außerordentlich beliebter Prediger, den der Jurist Christian Friedrich von Glück als einen für Erlangen ganz unentbehrlichen Mann bezeichnete, hatte bereits einem Ruf an die reformierte Gemeinde Mannheim Folge geleistet, als die Berufung zum außerordentlichen Professor kam, und wollte nicht mehr zurück.

  Der Beschluß von 1816, den vakanten außerordentlichen Lehrstuhl mit einem reformierten Theologen zu besetzen, konnte erst verwirklicht werden, als sich der Nachfolger Karbachs im deutsch-reformierten Pfarramt Johann Christian Gottlob Ludwig Krafft als geeignet erwies. So erhielt Krafft am 6. Dezember 1818 die Berufung auf den außerordentlichen Lehrstuhl der Theologie und wurde damit Erlangens erster reformierter Theologieprofessor. Freilich war der Lehrstuhl, den er bis zu seinem Tode 1845 einnahm, kein ausgesprochen reformierter, sondern der außerordentliche, der zur lutherischen Fakultät zählte, jedoch außerhalb der Fakultät damals stand. Darum gehört Krafft strenggenommen nicht in die Reihe der Inhaber des erst nach seinem Tode 1847 gegründeten reformierten Lehrstuhls, sondern in dessen Vorgeschichte. Aber als Vorläufer der späteren reformierten Professoren und überhaupt als erster reformierter Theologieprofessor in Erlangen kann Krafft bei der Betrachtung der Geschichte des reformierten Lehrstuhls nicht übergangen werden, zumal die Ära Krafft für Erlangen von großer Bedeutung geworden ist. Es war schon etwas Großes für die Reformierten, daß es endlich einen reformierten Theologieprofessor gab, wiewohl es als ein Kuriosum gewertet werden muß, daß Kraffts Ernennung ausgerechnet in demselben Jahr 1818 erfolgte, in dem in der pfälzischen Kirche, für die doch die reformierte Professur gedacht war, die Union eingeführt worden war.

  Reformierte Theologie wurde in Erlangen schon fast 30 Jahre vor der Gründung des reformierten Lehrstuhls gelehrt. Hier muß auch des für wenige Jahre von 1830 bis 1833 neben Krafft wirkenden Isaak Rust gedacht werden. Dieser zählt zwar nicht direkt zu der Linie, die von Krafft zu Ebrard und damit zum reformierten Lehrstuhl führt. Aber als reformierter Theologieprofessor, der einen lutherischen Lehrstuhl einnahm, muß er hier auch Berücksichtigung finden, zumal nach seinem Weggang sogar erwogen wurde, seine Professur zu einem ständigen französisch-reformierten Lehrstuhl zu erheben, woraus freilich nichts wurde.

 

1.2. Johann Christian Gottlob Ludwig Krafft (1818-1845)Klick zeigt Anmerkung

 Johann Christian Gottlob Ludwig Krafft (1818-1845)

  Johann Christian Gottlob Ludwig Krafft wurde am 12. Dezember 1784 in Duisburg geboren. Sein Vater war Elias Christoph Krafft, Prediger in Duisburg, ein Sohn des in Marburg verstorbenen Professors der Theologie Johann Wilhelm Krafft. Seine Mutter Johanna Ulrike war die Tochter des Professors der Medizin und praktischen Arztes Johann Gottlob Leidenfrost in Duisburg. Schon 1798 verlor er seinen Vater, und es kam bei den schweren Kriegszeiten viel Not über das Haus. Von Hause aus im pietistischen Geist aufgewachsen, lernte der junge Krafft an der reformierten Hochschule in Duisburg, an der er Theologie studierte, den Geist des Rationalismus kennen. Wenn auch diese Richtung seinen scharf denkenden Geist mit Vorurteilen gegen Gottes Wort und Offenbarung erfüllte, so ließ doch das Beispiel vom rheinischen Pietismus geprägter Menschen ihn nie dazu kommen, in den Gedankengängen des Vernunftglaubens zu verharren. Noch zwischen Rationalismus und Orthodoxie schwankend legte er 1806 sein 1. Examen ab, ging dann nach Frankfurt am Main, wo er von 1806 bis 1808 lebte. Er erhielt 1808 eine Pfarrstelle in der kleinen reformierten Diasporagemeinde Weeze bei Kleve, wo er 1811 Katharine Wilhelmine Neumann, die Tochter des Konsistorialpräsidenten Peter Neumann, heiratete. In den ersten Jahren hatte er noch hinsichtlich der großen Tatsachen des Evangeliums mit Zweifeln zu kämpfen, die die rechte Freudigkeit zu seinem Predigerberuf nicht aufkommen lassen wollten. Seinem fleißigen Bibelstudium ist es aber zu verdanken, daß es ihm immer mehr wie Schuppen von den Augen fiel.

  Als die deutsch-reformierte Pfarrstelle in Erlangen nach dem Weggang Karbachs verwaist war, empfahl der reformierte Pfarrer Spieß in Frankfurt dem Erlanger Presbyterium den Pfarrer Krafft als einen "Mann von sehr wissenschaftlichem Geiste, vielen, auch gelegentlich gelehrten Kenntnissen und unablässigem Forschungstrieb, zugleich ein guter Prediger, dessen Charakter und Wandel vortrefflich genannt werden muß". Auf die Wahl der Gemeinde und die Bestätigung durch das königliche Generalkreiskommissariat hin kam Krafft im Sommer 1817 nach Erlangen als deutsch-reformierter Pfarrer und bezog das alte Pfarrhaus in der Spitalstraße 11 (jetzt Goethestraße 46, mit Gedenktafel), das ihn bis zu seinem Lebensende beherbergte. In Erlangen wurde er zu seinem Befremden gleich mit den Praktiken der königlich-protestantischen Staatskirche konfrontiert, der die reformierten Gemeinden im neuen Königreich Bayern gegen ihren Willen einverleibt wurden und diese so ihrer kirchlichen Eigenständigkeit beraubt waren. Sein reformiertes Bewußtsein ließ durchs Presbyterium einen allerdings unwirksamen Einspruch gegen seine Installation durch den lutherischen Dekan erheben. Weltlicherseits verpflichtete ihn der Polizeidirektor von Ausin, der selbst reformiertes Gemeindeglied war. Krafft, der in den folgenden Jahren in seiner Gemeinde für das Wiedergewinnen des durch den Rationalismus verlorengegangenen reformierten Bewußtseins zu kämpfen hatte, war bestrebt, die Freiheit der Gemeinde von allem staatlichen und kirchenbehördlichen Zwang wieder zu erreichen. Er setzte sich gegen Übergriffe des neuen Kirchenregimes energisch und nicht ohne Erfolg zur Wehr, wie er 1818 dem lutherischen Dekan Friedrich Wilhelm Philipp von Ammon schrieb: "Solches läßt sich meine Gemeinde nicht bieten." Dieser Dekan stellte sich als eingefleischter Rationalist mit vielen Feindseligkeiten gegen Krafft.

  Krafft machte selbst noch eine Entwicklung durch. Zur Zeit seines Amtsantritts hatte er den Stand eines bibelgläubigen Supranaturalismus errungen und freute sich, in der Universitätsstadt bessere Gelegenheit zu bekommen, seine schon begonnene Dogmatik, eine Arbeit, die er als seine Lebensaufgabe ansah, zu schreiben. Die letzte Entwicklung, die Krisis seiner "Bekehrung" zu einem erweckten, gläubigen Christen, datiert er selbst auf das Frühjahr 1821. Von da an war er nach seinen eigenen Worten ein wirklich bekehrter Christ. Von ihm sollte eine große geistliche Bewegung ausgehen.

  Man hat in Erlangen offenbar schnell Kraffts geistige Fähigkeiten und theologisches Wissen erkannt. Damit hängt wohl seine Ehrenpromotion am 31. Oktober 1817 zusammen. Auf Verlangen reichte er eine Dissertation ein über De servo et libero arbitrio in doctrina christiana de gratia et operationibus gratiae accuratius definiendo (1818), also über das Hauptthema der Reformation. Die Dissertation fand bei der Theologischen Fakultät gute Aufnahme. Der akademische Senat gab ihr anheim, Krafft zum außerordentlichen Professor vorzuschlagen. Die Fakultät zögerte nicht damit, zumal sie den Wünschen des Oberkonsistoriums entgegenkommen wollte. In der Anmerkung zu diesem Posten befindet sich folgende Begründung: Ernannt zum Lehrer der reformierten Theologie war der vor zwei Jahren nach Mannheim abgegangene reformierte Pfarrer Karbach, dessen Stelle der Pfarrer Krafft erhalten hat, "welcher durch wissenschaftliche Bildung und besondere Neigung in noch viel vollkommenerem Grade zum akademischen Lehrer geeignet ist. Wir bitten daher, den Pfarrer Dr. J. Chr. G.L. Krafft zum a.o. [sc. außerordentlichen] Professor der Theologie mit demselben Auftrage allergnädigst zu ernennen und ihm auf dieselbe Weise, wie es für Karbach beschlossen war, ein Gehalt von 400 fl dergestalt zu bewilligen, daß derselbe 200 fl aus der Universitätskasse und 200 fl aus der allgemeinen Unterstützungsanstalt für Protestantische Geistliche vom 1. Oktober 1818 an beziehe."Klick zeigt Anmerkung Die Ernennung zum außerordentlichen Professor erfolgte dann am 6. Dezember 1818. Ein eigentliches Reskript hierüber erfolgte nicht. Dieser Mangel wurde erst 1834 entdeckt, als das Ministerium vom Universitätssenat die Rückgabe des Reskripts forderte, das dieser aber nie erhalten hatte.

  Die Bedeutung Kraffts wurde viele Jahre lang nicht erkannt, weder in seiner Gemeinde noch an der Universität. Der Einzug des Neuen, das mit ihm gekommen war, ging nicht ohne Widerspruch der Vertreter des Alten ab. Krafft hatte große Schwierigkeiten und Kämpfe zu bestehen und, wie er sagte, lange "die Schmach Christi allein zu tragen". Alle Neuerungen des von der Sache des Reiches Gottes durchdrungenen Pfarrers weckten den Argwohn des lutherischen Dekans von Ammon, der einige der deutsch-reformierten Presbyter auf seine Seite zu ziehen verstand. Er selbst wohnte bei dem reformierten Presbyter Delarue zur Miete, und dieser wurde ein erbitterter Feind Kraffts. Man versuchte, Krafft mit Schimpfworten wie "Mystizismus" und "Sektierertum" abzuqualifizieren. Erst nach schweren Auseinandersetzungen im Presbyterium, bei denen Krafft übel mitgespielt wurde, schieden die Presbyter aus, die sich vom Dekan gegen ihren Pfarrer hatten mißbrauchen lassen. Das 1825 umgestaltete Presbyterium stand nun treu zu seinem Pfarrer. Aber auch später gab es Kämpfe zu bestehen, die häufig durch mutige Worte in Predigt und Unterricht verursacht wurden, so z.B. die Klage der Freimaurerloge gegen Äußerungen in der Christenlehre oder 1842 die Klage des Armenpflegschaftsrates, da sich Krafft in der Kinderlehre gegen die Abhaltung eines Armenmaskenballs gewandt hatte, weil dieser viel weniger Nutzen als Unglück bringe.

  Dessen ungeachtet aber hatte der deutsch-reformierte Pfarrer und Professor als Prediger und auch als Seelsorger schon lange großes Ansehen erworben. Aller Widerstand gegen ihn mußte sich seltsam ausnehmen gegenüber dem ungeheueren Zulauf zu seiner Kanzel. Wer heute die ruhigen und lehrhaften, meist langen und trockenen Predigten Kraffts liest, wird sich kaum den gewaltigen Eindruck vorstellen können, den sie damals machten. Die Gründe dafür mögen in dem Überdruß an den dürren rationalistischen Predigten auf den lutherischen und reformierten Kanzeln und dem Hunger nach dem biblischen Wort wie auch in der Persönlichkeit Kraffts gelegen haben, bei dem man das Gefühl der Nähe Gottes hatte. So erklärt sich die eigentümliche Zugkraft seiner Predigten, die nicht bloß seine Gemeinde, die ja nur etwa 300 Glieder zählte, sondern ziemlich alles, was in Erlangen ein lebendiges Christentum suchte, vor allem auch zahlreiche Professoren, Sonntag für Sonntag in der überfüllten Kirche am Bohlenplatz zusammenführte. Hier konnte man u.a. den Mineralogen Karl von Raumer, den Orientalisten Johann Arnold Kanne, den Naturwissenschaftler Gotthelf Heinrich Schubert, den Philosophen Friedrich Wilhelm Schelling und den Rektor Ludwig Döderlein mit Lehrern und Schülern des Gymnasiums sehen.

  An der Universität dauerte es einige Jahre, bis Krafft von den Studenten angenommen wurde. Zunächst wollte man von ihm nichts wissen. Zu einem Durchbruch kam es 1823, als die Vorlesung über Pastoraltheologie Begeisterung auslöste, und 1825, als das Kolleg über Missionsgeschichte das bestbesuchte des Semesters wurde. An der lutherischen Fakultät lehrten in Kraffts ersten Jahren die Professoren Paul Joachim Siegmund Vogel, Leonhard Johann Bertholdt, Gottlieb Philipp Christian Kaiser und der außerordentliche Professor Johann Bernhard Lippert. Bis auf den positiv stehenden Kaiser waren sie Rationalisten und Krafft nicht sehr zugetan. Mit Krafft aber war einer der bedeutendsten Vertreter der Erweckungsbewegung und neben August Neander und August Tholuck einer der wenigen wissenschaftlichen Theologen, die sie selbst hervorgebracht hat, auf einen, wenn auch nur außerordentlichen, Universitätskatheder gekommen. Er war nach den Worten von Ernst Friedrich Karl Müller eine ganz schlichte Natur und keineswegs ein vielseitiger Gelehrter. Umfangreiche Bücher, außer einem Jahrgang Predigten über freie Texte (1845), hat er nicht hinterlassen. Die Geschichte der strengen theologischen Wissenschaft verzeichnet seinen Namen kaum. Desto mehr weiß die Geschichte des christlichen Lebens von ihm zu sagen. Von Theodor Kolde wird er als eine der eigenartigsten Theologengestalten genannt, die Erlangen je gehabt hat.Klick zeigt Anmerkung Imponierendes hatte er weder in seiner äußeren Erscheinung noch in seinem Auftreten oder in seiner Vortragsweise. Wir besitzen nur einen Schattenriß aus der Zeit der Erfindung der Fotographie, der ihn in der damals üblichen Tracht zeigt.

  Wie von seiner Kanzel, so gingen auch auf dem Lehrkatheder von seiner Persönlichkeit entscheidende Wirkungen aus. Kraffts Leidenschaft war das Wort Gottes. Der Bibel fühlte er sich ausschließlich verpflichtet und nahm sie als Grundlage aller theologischen Arbeit ernst. Als bewußter Schrifttheologe hielt er seine Dogmatikvorlesung anhand von Schriftbeweisen. Er soll ein fast druckfertiges Manuskript seiner Dogmatik hinterlassen haben. Das einzig erhaltene Werk Chronologie und Harmonie der Evangelien wurde 1848 von seinem Schwiegersohn August Burger herausgegeben. Krafft versuchte, mit den Mitteln der Philologie den biblischen Text zu erschließen, während er die schon damals bekannten Ansätze der Textkritik noch nicht aufnahm. Alles zielt bei ihm auf Person und Werk Jesu, wobei die Erfahrung des Glaubens ein starkes Motiv ist. Seine Vorlesungen mögen oft Predigten geglichen haben. Sein Schwiegersohn Karl Goebel schreibt: "Er war ein Schrifttheologe im vollsten Sinne des Wortes, Schriftforschung, Schriftauslegung, Schriftverteidigung war ihm Lebensaufgabe, in der Schrift gegründete Theologen zu bilden, sein Ziel."Klick zeigt Anmerkung Außer Dogmatik las er vor großem Auditorium Pastoraltheologie und neutestamentliche Exegese. Seine Worttheologie war Erfahrungstheologie, geprägt von der mit der Romantik verbundenen Neuentdeckung des Gefühls.

  Kraffts größte Wirksamkeit ging vom Jahr 1824 in ihrer vollen Blüte über ein Jahrzehnt, bis neben ihm weitere Dozenten, darunter seine Schüler, in Erlangen auftraten: Gottlieb Christoph Adolf von Harleß, Johann Wilhelm Friedrich Höfling, Johann Heinrich August Ebrard und Heinrich Ferdinand Friedrich Schmid. Der lutherische Gelehrte Johannes Christian Konrad von Hofmann, der bedeutendste Vertreter der Erlanger Theologie des 19. Jahrhunderts, war Schüler Kraffts. Dieser bezeugte wiederholt öffentlich und privat, daß Krafft sein geistlicher Vater gewesen sei, dem er nächst Gott das Beste verdanke, was ein Mensch dem andern geben könne: "Die Erkenntnis unseres Herrn und Heilands Jesu Christi". Diesem "Gottesmann" Krafft verdanke er seine Bekehrung. Man wird nicht fehlgehen, in der spezifisch heilsgeschichtlichen Konzeption von Hofmanns Werk Weissagung und Erfüllung Grundzüge der reformierten Bundestheologie zu entdecken.

  Es gibt weitere Zeugnisse bedeutender Persönlichkeiten über die Person Kraffts. Der Jurist Julius Stahl sagte in seiner Rede vor der Generalsynode zu Berlin 1846, in der er Krafft mit Spener, Wilberforce und Harms zusammenstellte: "Der Mann, der in meinem Vaterland (sc. Bayern) die Kirche auferbaute, der apostolischste Mann, der mir in meinem Leben begegnete, der Pfarrer Krafft, war ein strenger Bekenner des reformierten Lehrbegriffs. Ob er den Heidelberger Katechismus in der Tasche herumgetragen (...), das weiß ich nicht; aber das weiß ich, daß er einen Frühling aufblühen machte im ganzen Lande, dessen Früchte für die Ewigkeit reifen werden." Noch näher charakterisiert ihn Stahl in der Augsburger Allgemeinen Zeitung vom 5. Februar 1846: "In Erlangen wirkte damals der Pfarrer Krafft, ein Mann, wie er sich in unserer Zeit und zu allen Zeiten selten findet. Ohne besondere geistige Gaben und wissenschaftliche Auszeichnung, namentlich ohne große Beweglichkeit und Gewandtheit der Gedanken, aber von großer Stärke und Energie des Willens, von schlichtem Glauben an das Wort Gottes und von einer völligen, sein ganzes Wesen verklärenden Hingebung in dasselbe, ja Identifizierung mit demselben - ein wahrhaft apostolischer Charakter -, wurde er für die protestantische Landeskirche Bayerns jener Sauerteig des Evangeliums, der den ganzen Teig durchsäuert." Der berühmte Naturwissenschaftler Schubert, ein Freund Kraffts, schreibt: "Man konnte mit Krafft nie allein sein - immer war ein anderer bei ihm, dessen Nähe man fühlte. Dieser Mann lebte in einem Gebete ohne Unterlaß, er wandelte und stand, redete und schwieg unausgesetzt vor dem Angesicht seines Gottes."Klick zeigt Anmerkung Krafft war, wie der lutherische Professor Gottfried Thomasius in seiner Gedächtnisrede ihm nachrühmt, ein treuer Zeuge der göttlichen Wahrheit, nicht bloß durch Wort und Rede, sondern durch seine ganze Persönlichkeit. Gesinnung und Wort durchdrangen sich lebendig in ihm. Die äußere Bezeugung war nur der treue und wahrhafte Ausdruck des Innern: "Es lag ein Ernst über seine Persönlichkeit ausgebreitet, dem man es wohl anmerkte, daß er aus einem in Gott verborgenen Leben stammte, gepaart mit jener stillen und sicheren Ruhe, die ihres Weges und Zieles gewiß ist. Dabei tiefe Gottesfurcht und die Liebe, die nicht das Ihre sucht, Entschiedenheit des Charakters, Gewissenhaftigkeit im Kleinen und aufopfernde Treue im Amt. Seine persönliche Erscheinung war eine stille Predigt von der Kraft Gottes, die in ihm wohnte."Klick zeigt Anmerkung

  Von namhaften Schülern haben wir anschauliche Berichte über Kraffts Vorlesungen. So schreibt der bekannte Homerforscher Carl F. von Nägelsbach: "Im Herbst 1824 warb Freund Rückert Zuhörer für ein Kollegium über Liturgik und Pastorale bei Krafft. Er brachte eine ziemliche Zahl zusammen, welche dieses Kollegium hören wollten, aber nicht geneigt waren, dasselbe regelmäßig zu besuchen. Aber wie ward uns, als Krafft in der schlichtesten Weise, wie vor Konfirmanden, aber mit der Hoheit und Würde eines Zeugen Christi, die Grundwahrheiten des Heils und insbesondere die Gnade Gottes und die Liebe des Heilandes im Versöhnungstode erklärte? Kurz, von Stund an war ich ein Christ und verstand das Evangelium. Wie mir ging es auch sehr vielen anderen. Nun dachte niemand mehr an eine mutwillige Kollegienversäumnis. Nun weiß ich zwar von Liturgik oder dem Pastorale, das Krafft vortrug, wenig oder nichts mehr. Etwas aber weiß ich, daß durch jene Vorlesungen die Schar der jüngeren Bekenner des Evangeliums gewonnen worden ist, welche anfangs wie vereinzelte Missionare, später im Bewußtsein des guten Rechts beigetragen haben, den Glauben an Christus, Gottes Sohn, in der Landeskirche wieder herrschend zu machen. Wir verstanden auch damals die Predigten von Krafft, in die wir auch nichttheologische Freunde mitnahmen."Klick zeigt Anmerkung In ähnlicher Weise berichtet der später streng lutherische Wilhelm Löhe, der als Student auch auf Kraffts Kanzel stand und hernach auch sein Vikar werden sollte, was nur durch eine Erkrankung Löhes verhindert wurde. Löhe schrieb im Jahre 1836 einmal: "Ich verdanke, menschlich zu reden, mein geistliches Leben einem reformierten Lehrer, Professor Krafft."Klick zeigt Anmerkung In einem Brief an seine Schwester Dorothea Schröder vom 14. November 1827 schreibt Löhe: "Gestern wollte ich nach meinem Versprechen zu Herrn Prof. Krafft gehen, um Hs. wegen mit ihm ernstlich zu reden. Nachmittags 3 Uhr las er sein erstes Kollegium über Dogmatik; nach dem Kolleg wollte ich ihm gleich in sein Haus nachfolgen. Aber ich konnt's nicht tun. Er kam und sein Kolleg begann: 'Geheiliget werde dein Name.' Gleich vornherein sprach er mit tiefer Rührung über die Wichtigkeit dieses Kollegiums für ihn und tat die Gründe dar, warum er's lese. Die Zeit, welche voll ungöttlichen Treibens ist, der Hinblick auf uns, einst Lehrer und Bewahrer der göttlichen Geheimnisse, und die Wichtigkeit unseres Amts, die Aufgabe selbst: den Grund des Glaubens in wissenschaftlichem Vortrag darzustellen; endlich seine Person (hier füllten sich seine Augen mit Tränen), nicht wert aller Barmherzigkeit und Treue. Nachdem er über das Vorbemerkte gesprochen hatte und zu diesem Letzten kam, begann er in Tränen überzufließen - bat, ihm nun als einem Freunde zu erlauben, von sich selbst zu reden. Du hast ihn selbst einmal gesehen und den Mann an ihm gefunden. Diesen Mann denke Dir nun von innerem Gefühl so übermannt, daß er das Haupt auf dem Katheder beugen mußte und laut einige Sekunden schluchzte. Welch eine Einleitung in ein Kollegium! So hat wohl noch keiner gelesen: sein ehrwürdig Haupt, seine salbungsreichen Vorträge, seine Mannheit, seine Kämpfe gegen außen, sein heiliges Leben - alle diese Erinnerungen waren mir Einleitung genug. Nun aber diese Tränen und unter Tränen diese demütigsten Selbstbekenntnisse über die äußere und innere Führung seines Geistes zu diesem Stand, auf dem er jetzt steht und der von vielen so sehr gelästert wird, die Beschreibung von seiner Entfremdung vom wahren Leben in Gott und Christo, sein Glaubenskampf, der ja keinem erspart wird, seine Seligkeit nun, der Friede, von dem niemand wisse, außer wer ihn empfangen habe, sein Gebet: 'Herr, du hast mich erlöset, du treuer Gott!', sein 'Amen' unter Freudentränen, wie ich's nie gehört. Das war ein Kollegium, nach dem ich ihm nicht heimfolgen mochte. Wir gingen alle aus dem Auditorium, keiner konnte den anderen fragen: Was meinst du? Nach einem solchen Kampfe und solchen Erfahrungen im geistlichen Leben muß man Dogmatik lesen. Diese anderen glaubenslosen Professoren - ich habe keinen Begriff mehr, wie die noch Dogmatik lesen können. Wer so geführt worden ist, den will ich hören, der redet, was er erfahren hat und so am gewissesten weiß."Klick zeigt Anmerkung

  Neben seiner akademischen und pfarramtlichen Tätigkeit ist weiter eine Reihe von Aktivitäten zu nennen, die Früchte seiner geistlichen Haltung waren. Krafft war der erste deutsche Professor, der über Missionswissenschaft las (Wintersemester 1825/26). Der Sinn für die Äußere Mission entstand in Erlangen durch ihn schon seit 1818. Er hielt in seiner Gemeinde regelmäßig Missionsstunden, noch ehe dieses Werk der Kirche offiziell diesen Namen erhielt. Dem um Krafft gesammelten Kreis gleichgesinnter Kollegen und Freunde entstammte ein "Hilfsverein für die Heidenmission", 1834 auch ein "Allgemeiner Verein zur Bekehrung der Heiden". Die Basler Missionsblätter ließ Krafft gebunden mit einem von seiner Hand geschriebenen Laufzettel zirkulieren. Sie wurden nicht nur in der Gemeinde, sondern in den Professorenfamilien, bei Rektor Döderlein usw. gelesen. Innere Mission trieb Krafft lange, ehe dieser Name aufkam. Eine Erziehungsanstalt für verwahrloste Töchter entstand durch ihn, aus der später das Puckenhofer Rettungshaus hervorging. Auch wurde in seinem Pfarrhaus schon in der Mitte der 30er Jahre ein kleiner Anfang einer Kleinkinderschule bzw. Sonntagsschule gemacht unter Mitwirkung seiner Tochter Sophie, der Anfang eines Kindergottesdienstes in Erlangen. Für die Verbreitung der Bibel setzte sich Krafft in einem privaten Bibelverein tatkräftig ein zusammen mit dem Nürnberger Kaufmann Neumann, in dem er mit namhaften Männern zusammenarbeitete und in dem der Philosoph Schelling eine Zeit lang das Präsidium führte.

  Von Kraffts Tätigkeit im Religions- und Konfirmandenunterricht gab die methodische Bearbeitung und Erläuterung des Heidelberger Katechismus Zeugnis, die einer seiner Schüler, Pfarrer Johann Peter Kindler/Nürnberg, unter Benutzung handschriftlicher Bemerkungen Kraffts später herausgab (1846). Vom Seelsorger Krafft wurden in Ebrards Kirchenbuch mehrere Gebete abgedruckt.

  Schon genannt wurden einige der namhaften Vertreter der Wissenschaften, die zu seinen Freunden und regelmäßigen Zuhörern gehörten. Diese scheuten sich nicht, den Weg ins Pfarrhaus zu Bibelbesprechungen zu nehmen. Es ist klar, daß von ihnen weitere geistliche Wirkungen auf die akademische Jugend ausgingen. Im Krafft-Goebelschen Familienalbum wurde ein Blatt aufbewahrt Zum Gedenktage 25jähriger geistlicher Amtsführung Herrn Professor D. Krafft in Liebe und Verehrung dargebracht, unterzeichnet u.a. von den Fakultätskollegen Höfling, Ebrard, Drechsler, Schmid, Schöberlein, Harleß, sowie von Scheurl, Heinrich Thiersch, dem Mediziner Leupold und dem Philosophen Heyder. 1837 hatte Krafft den Dr. theol. h.c. verliehen bekommen. Von vielen aus besonderen Anlässen gehaltenen Predigten sei noch die über Die ächte, die christliche Freiheit genannt, die Krafft am 25. August 1843 anläßlich des 100jährigen Jubiläums der Universität und des gleichzeitigen Geburtstags des Königs auf der Kanzel der Neustädter Kirche hielt, wohin man sich in einem Festzug begeben hatte.

  Man hat Krafft den Regenerator der protestantischen Kirche genannt. Dieses anerkennende Urteil wird man differenziert sehen müssen. Es gehört nämlich zu den Merkwürdigkeiten der Geschichte, daß die nachhaltigen Wirkungen der Erweckung durch Krafft wohl sehr stark im Luthertum Bayerns weitergingen, nicht so sehr aber in seiner eigenen deutsch-reformierten Gemeinde und deren fränkischen Schwestergemeinden. Die von Krafft ausgehende Erweckungsbewegung brachte den scharfen Konfessionalismus in der lutherischen Kirche, besonders bei den jungen Pfarrern, der um 1840 losbrach, mit hervor. Ausgerechnet Löhe, der einst seinen Lehrer so verehrt hatte, bei ihm gepredigt hatte und den dieser als Vikar annehmen wollte, entwickelte sich zum strengen Konfessionalisten, der zusammen mit Pfarrer Wucherer und anderen den "Zweiherrndienst" beim Abendmahl in der von ihnen nun derart abgelehnten quasi-unierten protestantischen Kirche Bayerns bekämpften, daß sie aus dieser ihrer Kirche sogar austreten wollten. Es kam unter anderem zu schlimmen Vorgängen in den Kolonistengemeinden der südbayerischen Moorgebiete, besonders im Donaumoos in der Pfarrei Untermaxfeld, die der alternde Krafft mit größter Bestürzung und Trauer erleben mußte. Die aus diesen feindseligen Gegensätzen heraus 1848 erfolgte Gründung der reformierten Gemeinde Marienheim am Rand des Donaumooses hat er nicht mehr erlebt.

  In Erlangen selbst hat Krafft wohl mehr die Schicht der Intellektuellen erfaßt als das Gros der reformierten Gemeinden, bei denen in der Folgezeit wenig tiefgehende Wirkungen zu beobachten waren. Das lag wohl weniger an den Pfarrern, die Kraffts Schüler im Konfirmandenunterricht und im Studium gewesen und von daher geprägt waren: Karl Goebel als sein deutsch-reformierter Nachfolger, Johann Jakob Wilhelm Renaud und Johann Friedrich Birkner von der französisch-reformierten Gemeinde sowie Ebrard. Besonders hervorzuheben ist Kindler, von dem als reformierter Pfarrer in Nürnberg (1823-1855) ähnliche geistliche Wirkungen auf die vom Rationalismus bestimmte Bevölkerung ausgingen. Die kleine Marthakirche war alsbald zu klein für die Menge der Predigthörer, die zumeist aus den lutherischen Gemeinden stammten. Die reformierte Gemeinde selbst zählte damals nur etwa 100 Glieder.

  Schwere Zeiten und viel Leid hatte Krafft in seiner Familie erfahren. Seine Frau erkrankte 1828. Sie konnte sich nicht mehr erholen und verstarb am 12. November 1833 nach langem Siechtum. Ein halbes Jahr später mußte er am 16. Juni 1834 seinen ältesten Sohn, einen 19jährigen Theologiestudenten, neben der Gattin begraben. Kaum vier Jahre später starb sein jüngstes Kind, Marie Therese, 10 Jahre alt. Zwei Töchter, Johanna Elise und Sophie Marie Viktoria, verheirateten sich, erstere mit Pfarrer August Burger in Fürth, dem späteren Oberkonsistorialrat in München, letztere mit dem Pfarrer und späteren Posener Konsistorialrat Karl Goebel, der Kraffts Nachfolger im Erlanger deutsch-reformierten Pfarramt wurde. Kraffts jüngster Sohn Karl Georg war als Hauslehrer bei dem bayerischen Gesandten in Rom angestellt, trat nach seines Vaters Tod noch 1845 zur römischen Kirche über und starb 1898 als Benefiziat in Neuburg a.d. Donau. Krafft selbst krankte seit 1835 an Unterleibsschwäche. Die vielen seelischen Erschütterungen, veranlaßt durch Leid in der Familie, und die ihn mehr, als er sich merken ließ, kränkenden Angriffe auf ihn und seine Kirche zehrten an seiner Lebenskraft. Seine leidende Gesundheit war auch mit der Grund, warum das Oberkonsistorium in München nach dem Ableben des reformierten Oberkonsistorialrats Philipp Casimir Heintz davon absah, Krafft in seine Mitte zu berufen. Die Unterleibsschwäche trat 1845 mit neuer Wucht auf, und schließlich stellte sich Wassersucht ein. Krafft hatte für das Sommersemester eine Vorlesung über die letzten Dinge angekündigt. Als sein Schwiegersohn Burger ihn auf sein Ende vorbereitete, antwortete er: "Wenn der Herr mich ausspannen will, so ist es mir recht!" Im Glauben an den Erlöser und die von ihm erworbene Gnade entschlief er am 15. Mai 1845 im Alter von erst 60 Jahren. Groß war in allen Kreisen Erlangens, besonders in der Theologischen Fakultät, aber auch in der ganzen bayerischen protestantischen Kirche der Schmerz über seinen Tod. Studenten und Kollegen schuldeten ihm Dank, nicht zuletzt aber seine Gemeinde. Der Pfarrer der französisch-reformierten Gemeinde Renaud sprach am Grabe: "Einen eifrigeren Diener Christi und einen gewissenhafteren Haushalter über Gottes Geheimnisse habe ich bis zur Stunde noch nicht kennengelernt (...)."Klick zeigt Anmerkung

  Das Grab Kraffts auf dem Reformierten Friedhof trägt eine schlichte eiserne Tafel. Am früheren deutsch-reformierten Pfarrhaus in der Goethestraße 46 wurde 1918 eine Gedenktafel angebracht mit der Inschrift: "In diesem Hause wohnte und starb Christian Krafft, Pfarrer der deutsch-reformierten Gemeinde, Professor und Doktor der Theologie (1817-1845), bekannt als gesegnetes Werkzeug der Erneuerung christlichen Lebens in der protestantischen Kirche."